Haftbefehl gegen die Geschäftsführer

Leider hat sich in vielen Köpfen die Auffassung festgesetzt, dass eine gute Übersetzung auch für wenig Geld zu haben ist. „Übersetzen kann doch jeder!“, glauben viele. Man braucht dafür keine besondere Ausbildung, keine langjährige Erfahrung, keine ausgezeichneten Kenntnisse einer Fremdsprache, keine Beherrschung der eigenen Muttersprache, kein Sprachgefühl, keine Stilsicherheit beim Schreiben, kein technisches, betriebswirtschaftliches oder juristisches Verständnis, keine mühsame und langwierige Einarbeitung in ein Fachgebiet, keine Rücksprache mit Fachleuten, keine zeitaufwendigen Recherchen im Internet, gar nichts … man braucht nur Leo! Was Leo ist? Es ist ein kostenloser und meiner Meinung nach – qualitativ gesehen – seinem Preis entsprechender Übersetzungsdienst inklusive Wörterbuch im Internet.

Auf der Download-Seite einer Firma aus dem Bereich der Solarenergie (aus Rücksicht und Mitleid wird hier der Name der Firma nicht verraten) stand folgende, wahrscheinlich selbstgemachte, kleine Übersetzung mit großer, verheerender Wirkung:

mandato di cattura

Es ist das Bild der Geschäftsführer der Firma. Wenn man zunächst die unsinnige Überschrift „SCARICARE – SERVIZIO“ außer Acht lässt – die Übersetzung der Überschrift ist so misslungen, dass man allein darüber einen Artikel schreiben könnte! –, findet man unter dem Bild die Bezeichnung von zwei Dokumenten, die man herunterladen kann. Der Hinweis „Ultimo attualisazione“, ist zwar auch kein gutes Italienisch (wenn man es genau wissen will, heißt es auf Italienisch korrekt: „Ultimo aggiornamento“), aber das wollen wir zunächst ebenfalls ignorieren.

Die Namen der Dokumente lauten „Carriera“, auf Deutsch also „Karriere“ und überraschenderweise „Mandato di cattura“. Als ich das zum ersten Mal las, war ich richtig erstaunt. „Na so was! Was haben die denn angestellt? Sind sie mit der Firmenkasse durchgebrannt?“ „Mandato di cattura“ heißt auf Italienisch nämlich „Haftbefehl“! Ich habe auf den Link geklickt und einen Text dieser Art erwartet: „Die italienische Polizei bittet um Ihre Mithilfe! Seit dem TT.MM.JJJJ werden Herr XY und Herr YX steckbrieflich wegen […] gesucht. Sachdienliche Hinweise nimmt die nächste Polizeidienststelle dankbar entgegen.“

Der Link führte aber stattdessen zu einem Dokument mit dem Namen „Flyer_Steckbrief“, wahrscheinlich ein Flyer zum Einstecken in die Tasche. Es handelte sich dabei um einen Faltprospekt mit einer Kurzbeschreibung der Firma.

Für mich als Übersetzer – nachdem ich mich von einem heftigen Lachanfall wieder beruhigt hatte – war dann der erste Gedanke: Wie kommen die überhaupt auf den „Haftbefehl“? Wer ist denn diese Koryphäe im Übersetzen? Das kann doch kein Italiener sein. Auch der schlechteste italienische Übersetzer würde in diesem Zusammenhang nie einen solchen Unsinn schreiben. Ein „Steckbrief“ hat zwar etwas mit Schwerverbrechern und Polizei zu tun, ist aber noch kein „mandato di cattura“ (Haftbefehl), sondern eher die Folge davon, eine „scheda segnaletica“. In jedem Fachwörterbuch, in dem ich nachgeschaut habe, stand aber als Übersetzung von „Steckbrief“ nie „mandato di cattura“. Woher stammte also diese katastrophale Übersetzung? Höchstwahrscheinlich aus einem automatischen Übersetzungsdienst im Internet. Aus Neugier habe ich ein wenig im Internet recherchiert und einige Treffer für „Steckbrief“ gefunden:

bab.la: bab.la ist überfordert: Die Übersetzung von Steckbrief fehlt. Ich soll meine Frage im Forum stellen. Ja, das tue ich das nächste Mal …
Lexicool: „caratteristiche“ , auf Deutsch: Eigenschaften. Das war es auch nicht.
lexicool
wordlingo: „garanzia dell’apprensione“, auf Deutsch: Garantie der Besorgnis. Das gibt’s doch gar nicht!
babel fisch: „Wanted poster“. Gute Übersetzung. Kompliment! Aber, ist das Italienisch?! Ich überprüfe die Sucheinstellungen. Vielleicht habe ich aus Versehen Englisch als Zielsprache angegeben. Nein, da steht eindeutig „Italienisch“. Seltsamer Fisch der babel …
Babelfisch
dict.cc: „identikit“ (Phantombild). Wenigstens mit dem Hinweis „nicht geprüft“.
dict.cc
woxicon: findet keine Übersetzung, schlägt aber folgende „ähnliche“ Suchbegriffe vor: Stechfliege, Steckzwiebel, Schutzblech, Sitzbad bis sogar Schutzbrille und Stück für Stück. Woxicon kann man also ruhig vergessen! Außerdem soll ich selber eine Übersetzung vorschlagen. Woxicon hat anscheinend nicht einmal meine Absicht verstanden. Wer nach der Übersetzung eines Wortes sucht, kennt in der Regel das Fremdwort nicht.
dict.leo.org: mandato di cattura (diritto/Recht). Volltreffer!! Das war’s bestimmt!

Ich suche trotzdem noch ein wenig weiter.

dictionarist: wieder ein „mandato di cattura“! Wer hat von wem abgeschrieben?
dictionarist - steckbrief
quickdict: und noch einmal „mandato di cattura“! Mit der Bemerkung: „Diese Begriffe könnten für Sie auch interessant sein: Stechschritt, stecht, stecht in See, stecht nicht, Stechuhr, Steckdose usw.” Wirklich sehr interessant! Im Moment interessiere ich mich aber nur für das Wort Steckbrief und nicht für alles Stechbares! Es fehlt nur noch die Bemerkung: „Anwender, die nach „Steckbrief“ gesucht haben, haben sich auch für folgende Wörter interessiert …“
quickdict - mandato

Also, wenn leo, dictionarist und quickdict der gleichen Meinung sind, dann muss es stimmen. Die Übersetzung von „Steckbrief“ wird wohl „mandato di cattura“ sein, und der fleißige Mitarbeiter und Meister der Internetrecherchen hat aus seinen Geschäftsführern zwei in Italien steckbrieflich gesuchten Schwerverbrecher gemacht! So schnell kann es gehen …

Ich habe einen Brief an die Geschäftsleitung der Firma geschrieben, darin auf den peinlichen Fehler hingewiesen und eine sprachliche Revision der italienischen Version der firmeneigenen Webseite angeboten. Eine Antwort darauf habe ich nicht bekommen. Nicht einmal per E-Mail ein „Danke für den Hinweis!“ Der „mandato di cattura“ wurde aber wenige Tage später in aller Stille, wenn auch nicht von allen unbemerkt, von der Webseite gelöscht.

P. S.: Es gibt übrigens im Internet auch gute Online-Wörterbücher Deutsch-Italienisch. Ich empfehle zum Beispiel das Dizionario Sansoni:

Auch SYSTRANet hat zumindest für das Wort „Steckbrief“ eine korrekte Übersetzung geliefert:

systranet - steckbrief

Über den Autor:

Silvano Zais
Silvano Zais hat die erste Hälfte seines Lebens in Italien und die zweite in Deutschland verbracht und ist somit ein echter „Italotedesco“. Er denkt und träumt auch zweisprachig ... je nachdem welche Wörter ihm schneller einfallen. Er hat Literaturwissenschaft, Philosophie und Soziologie in München studiert und arbeitet als Übersetzer, Italienischlehrer und Entwickler von Lehrmitteln für den Sprachunterricht. Er ist der Leiter von ItalLingua, einem Netzwerk von italienischen und deutschen Sprachexperten.

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